JahresRockBlick 2025 – Teil 3/3

Die Quintessenz des Heavy-Metal-Untergrunds 2025 – zusammengefasst in 30 Kurzrezensionen.

Dragonsclaw – Moving Target

Die letzten beiden Jahre waren äußerst ergiebig für Fans der US-Kultband Warlord. Allem voran stand der Release des Albums Free Spirit Soar von 2024, dem finalen Tribut an den verstorbenen Ausnahme-Gitarristen William J Tsamis. Maßgeblich zum Erfolg trug die Stimme des neuseeländischen Sängers Giles Lavery bei, dessen Hauptprojekt Dragonsclaw einer Art Mini-Warlord ähnelt und 2025 völlig unter dem Radar eines der besten Alben des Jahres veröffentlichte. Moving Target verzichtet im direkten Vergleich zum musikalischen Vorbild auf ausuferndes Songwriting und spirituelle Einflüsse, der Fokus liegt auf Gradlinigkeit und Prägnanz, ohne jedoch Einbußen in Sachen Atmosphäre zu machen. Meisterhaftes Heavy-Metal-Songwriting, das sich das Prädikat „all killer, no filler“ mehr als verdient hat.

Anspieltipps:
Survival
Cry Wolf


Temptress – Catch the Endless Dawn

Das ein Song auf diesem Album als Dream Metal betitelt ist, vermittelt bereits einen ganz guten Eindruck davon, auf welche Art von Musik man sich einstellen kann. Alles ist umwoben von einer dichten, magisch-melancholischen Atmosphäre, gespeist durch 70er-Jahre-Rückgriffe in Form von vernebelten Keyboards und reduzierter Produktionsqualität. Der tatsächliche Metal-Anteil erinnert an eine Mischung aus frühem Fates Warning und modernen Metal/Hard-Rock-Hybriden wie Spell oder Cauldron. Wer die Schönheit im Metal sucht, wird sie hier finden.

Anspieltipps:
Woman of the Dark
Fears Like Towers


Cold Forged – Blood of My Blood

Wenn es einen roten Faden gibt, der sich durch den gesamten Rückblick zieht, dann sind es unverschämt talentierte deutsche Untergrundbands. Die entweder grau- oder keinhaarigen Metal-Veteranen von Cold Forged lassen teutonischen Thrash mit epischem Heavy Metal kollidieren. Und anstatt zu entgleisen, galvanisieren die Genres dadurch. Die dafür notwendige, beeindruckende Menge an musikalischem Fingerspitzengefühl ist augenscheinlich zu Genüge vorhanden, immerhin bleibt in der eigenwilligen Mischung sogar noch Platz für eine Hammondorgel. Ja, warum denn auch nicht?

Anspieltipps:
Paralyzed by Fear
Blood of My Blood


Aquilla – Sentinels of New Dawn

Aquilla klingen, als hätten Bands wie Judas Priest, Iron Maiden und Blind Guardian ihr 80er-Jahre-Material vorgestern in Polen aufgenommen. Wer wissen möchte, was das bedeutet, kommt nicht drumherum, Sentinels of New Dawn aufzulegen und sich zu ärgern, das nicht schon viel früher getan zu haben.

Anspieltipps:
Creed of Fire
Battalion 31


Black Soul Horde – Symphony of Chaos

Power Metal ist der Apfelsaft unter den Metal-Genres. Pur konsumiert dauert es nicht lange, bis er einem auf den Magen schlägt. Da braucht es ein Gegengewicht, etwas, um die Süße zu mindern. Zum Beispiel bodenständige Heavy-Metal-Riffs. Oder Mineralwasser, um beim Vergleich zu bleiben. Die Heavy-Power-Metaller Black Soul Horde haben jedenfalls das richtige Mischverhältnis gefunden. Mit einem schier nicht enden wollenden Repertoire an rapiden Riffs und infektiösen Melodien hauchen sie allerhand altbekannten Horrorgeschichten neues Leben ein. Besonders den Bass gilt es hervorzuheben, welcher genreuntypisch wirklich überall deutlich hörbar in Erscheinung tritt. Hier lohnt sich das Reinhören, insbesondere, wenn man den typischen italienischen und schwedischen Vertretern des Power Metals überdrüssig ist.

Anspieltipps:
Lady of Shadows
In the Realm of Silver Light


Time Rift – In Flight

Ob Time Rift wirklich Metal spielen, sei mal dahingestellt. Die Attitüde stimmt zumindest: Gitarren, die doomig-schwer klingen. Riffs, die energetisch aus dem Lautsprecher scheppern. Frontfrau Ruby, die davon singt, wie sie Gott ins Gesicht lacht. Alles in allem ist das mindestens so Metal wie die Hauptinspiration Thin Lizzy. Kernig und bissig. Lose und spontan. Kaltes Bier und heißer Wüstensand.

Anspieltipps:
Follow Tomorrow
Coyote Queen


Bergfried – Romantik III

Das mittelalterliche Metal-Musical präsentiert seinen dritten Akt, erdacht und multiinstrumentalisiert vom Black-Metal-Musiker Erech III. von Lothringen, oder bürgerlich, nun ja: Malte. Der Mann hat sich getraut, im monokulturellen Metal-Ökosystem ein Fleckchen Land abzustecken und dort einzigartigen Genre-Wildwuchs zu betreiben. Hard Rock, Heavy Metal, Folk, Schlager – eine gelungene Gradwanderung zwischen tiefsten Untergrund und Massentauglichkeit, theatralisch und charmant zugleich dargeboten. Das ist vor allem eins: originell. Und kann vielleicht sogar dem hartgesottensten Slayer-Fan ein Kopfnicken entlocken.

Anspieltipps:
Dark Wings
Queen of the Dead


Reinforcer – Ice and Death

Im deutschen Untergrund zu graben war schon lange nicht mehr so ergiebig wie in 2025. Egal wo man hingreift, hält man binnen kürzester Zeit ein Metal-Kleinod in den Händen. Manche Exemplare sind dabei unscheinbarer als andere. Ein Blick auf das Cover-Artwork mag dazu verleiten, Reinforcer in dieselbe Folk-Schublade zu schieben, in der Bands wie Elvenking und Ensiferum beheimatet sind, und augenrollend zum nächsten Beitrag im JahresRockBlick zu scrollen. Verständlich. Für alle, die das nicht getan haben: Moin, hoffentlich geht es euch gut. Reinforcer spielen richtig geilen Heavy Metal mit überragenden Vocals. Also wirklich, man kann die Vocals nicht genug loben. Hört da unbedingt mal rein. Das war’s auch schon – bis dann!

Anspieltipps:
Skogamor
House of Lies


Starlight Ritual – Rogue Angels

Genau so, wie hoher Luftdruck auf gutes Wetter hindeutet, deutet der Archetyp des hypermaskulinen Frontmanns mit optionaler Oberkörperbekleidung auf gute Musik hin. Beispielhaft dafür sind Manowar, Thor, Eternal Champion, Visigoth und eben auch Starlight Ritual, ein US-Trio, angeführt von Vokalist Damien Ritual, welches einen musikalischen Mischmasch aus den zuvor genannten Bands spielt. Herr Ritual singt dabei so, als würde seine Stimme zu 98% aus purem Testosteron bestehen, und seine beiden Instrumental-Kollegen bieten ihm eine brennende, nach Benzin und Alkohol riechende Bühne dafür. Da wachsen einem selbst Haare auf den Fußsohlen.

Anspieltipps:
Lost Among the Fold
Exodus


Palantyr – The Ascent & The Hunger

Eigentlich kein Geheimtipp mehr, aber der JahresRockBlick hätte seinen Namen nicht verdient, würde er Palantyr nicht erwähnen. Seit 2014 aktiv, hat sich die französische Band Destrukt einen frischen Tolkien-Anstrich verliehen und die bereits unter ihrem alten Namen erschienene EP The Ascent um drei weitere Songs ergänzt und kurzerhand neu veröffentlicht. Insgesamt kommen so ungefähr 30 Minuten an großartigem Heavy Metal zusammen, inspiriert von Sortilège, Manilla Road und der britischen Okkult-Rock-Ikone Paul Roland, dessen Song Nosferatu mit einer würdigen Cover-Version geehrt wird.

Anspieltipps:
Broken Mirror
Nosferatu